England 2014

Die Berliner Kantorei vor der Kathedrale von Wells

Der Chor kurz vor Konzertbeginn. Im Hintergrund: die Kathedrale von Wells

Zwischen der Berliner Kantorei und dem Somerset Chamber Choir (SCC) besteht mittlerweile eine mehrjährige Freundschaft, die ihren Ursprung darin hat, dass unser Kantor Günter Brick vor einigen Jahren von seiner alten Schüler-Austausch-Partnerin aus England kontaktiert wurde. Wie sich dabei herausstellte, waren beide bei der Musik „hängengeblieben“ und die Idee eines wechselseitigen Austauschs lag natürlich nahe.

Den Anfang machte ein gemeinsames Konzert in Berlin im Herbst 2013, bei dem der SCC mit uns gemeinsam die „Schöpfung“ von Haydn aufführte. Die Revanche fand dann im Juli 2014 statt. Geplant war die Aufführung von „The Dream of Gerontius“ von Edward Elgar. Die Behauptung ist, dass dieses Stück in England das am zweithäufigsten aufgeführte Oratorium überhaupt (Spitzenplatz: „Messias“) sei. Wohl möglich, hier in Deutschland wird es eher selten aufgeführt, zumal mit großem orchestralem Aufwand verbunden. Ganz zu schweigen von den Anforderungen für den Chor. Sowohl Musik als auch Text erwiesen sich bei der ersten Annäherung als ausgesprochen sperrig und schwer zugänglich. Der Kantor musste schon tief in die musikpädagogische Trickkiste greifen, und auch ihm war deutlich anzumerken, dass er sich dabei nicht immer auf gewohntem Terrain bewegte.

Aber wie der Appetit eben manchmal beim Essen kommt, gewann auch das Stück mit zunehmender Sicherheit für den Chor seinen Reiz. Der sich zugegebenermaßen erst vollends entfaltete, als die letzten Proben dann in der originären Heimat dieser Musik stattfanden. Letzten sprachlichen Schliff erhielten wir dabei durch die englischen Mitsängerinnen und Mitsänger. Man ahnte bis dahin gar nicht, wie viele Nuancen denkbar sind, um allein das Wort „Praise!“ auszusprechen.

Eine wichtige Rolle im Projekt nahm der Chorleiter des SCC ein. Graham Caldbeck gilt als einer der bedeutendsten Dirigenten von Laienchören in England. In seiner Laufbahn hat er alle wichtigen Stationen vom Trinity College in Cambridge über das Royal College of Music und die Academy of St Martin-in-the-Fields absolviert. Nicht ein Patzer des Chores in der bis zu 13-zeiligen Chorpartitur blieb ihm verborgen. Seine Hinweise waren hilfreich, präzise und nicht immer frei von einem gewissen liebevollen Zynismus („If this phrase was a leaf of lettuce it would be wilting“-„Wenn diese Passage ein Salatblatt wäre, würde es welken“).

Höhepunkt der Reise war natürlich ihr eigentlicher Anlass, die gemeinsame Aufführung des „Gerontius“ in der Kathedrale von Wells in Somerset. Dieser eindrucksvolle Trumm von einer Kirche stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist von einer wunderschönen Parklandschaft, dem Bischofsgarten, umgeben. Der Chor hatte sich auf eher kühle Temperaturen in den dicken Mauern eingestellt. Nicht zuletzt hatten wir ja auch noch präzise Anweisungen der Engländer zur Kleiderordnung erhalten (Die Kleider: lang! Die Arme: bedeckt! An den Beinen: Strümpfe! Sandalen: Nein!). Entgegen allen Klischees erwies sich der Englische Sommer als überraschend warm. Immerhin konnte die Generalprobe noch in lässiger Sommerkleidung stattfinden (unvergesslich: der Samoanische Bariton-Solist Jonathan Lemalu in Surfer-T-Shirt und Flipflops). Gegen Abend wurde es dann Ernst, zumal wir uns vorher noch für ein Gruppenbild in sengender Sonne und vollem Konzertoutfit vor der Kathedrale aufbauen mussten.

Die Kathedrale war außerordentlich gut besucht, der SCC hat einen Namen und zudem 30-jähriges Bestehen, das Stück wird gern gehört und so kamen denn auch die Musikbegeisterten einschließlich der regionalen Repräsentanten und Würdenträger. Letztere in vollem Ornat mit üppigen Amtsketten und Orden behängt. Da der „Gerontius“, der immerhin gut 90 Minuten dauert, in England offensichtlich nicht als abendfüllend akzeptiert wird, wurden vorab noch ein paar Stücke von Hubert Parry zum Besten gegeben. In eindrücklicher Erinnerung bleibt davon „Jerusalem“, eine textlich durchaus martialische und musikalisch bombastische Komposition, die als Englands populärstes patriotisches Lied, gewissermaßen als inoffizielle Nationalhymne gilt. Zahlreiche Komponisten und Gruppen bis hin zu Emerson, Lake & Palmer haben diese Hymne gecovert. Man konnte sich ihrem überwältigenden, Gänsehaut-auslösenden Eindruck kaum entziehen, zumal das Publikum in der Kirche zum Mitsingen aufstand.

Der Gerontius schließlich ließ keine Wünsche offen. Chor, Solisten, Orchester und Dirigent gaben ihr Bestes, selbst die riesige Orgel der Kathedrale wurde nicht geschont. Zur Belohnung gab es langen Applaus, einen anschließenden Empfang im Rathaus von Wells und gute Kritik in der Presse. Erwähnenswert ist sicher auch, dass das gemeinsame Konzert die Freundschaft zwischen den Chören weiter gefestigt hat. Einige der Englischen Mitsängerinnen und Mitsänger machten sich tatsächlich auf nach Berlin, als wir im Herbst 2014 das Stück nochmals in der Gethsemane-Kirche aufführten.

Nicht zuletzt soll aber auch das Rahmenprogramm der Reise hier Erwähnung finden, das von durchgängig hochsommerlichem Wetter geprägt war. Wohnort des Chors war Cannington, ein idyllisches kleines Dörfchen mitten in Somerset. Zentrale Elemente sind 1 Kirche, 2 Läden, 3 Kneipen. Wenn man durch die Straßen geht, hat man das Gefühl, dass jeden Augenblick Miss Marple oder Inspector Barnaby um die Ecke biegen können. Ein Teil des Chores wohnte im sommerferiengemäß leeren College des Ortes, hier fanden auch die Proben statt. Eine andere Gruppe war in einem zu Ferienwohnungen umgebauten alten Englischen Landsitz untergebracht (Ja, es gab Kamine, Kronleuchter, Freitreppen, Eingangshallen und eine riesige Gartenanlage!). Abgerundet wurde das Programm durch Ausflüge, u.a. nach Weston-super-Mare, ein so genanntes Seebad. Hier kann man sich davon überzeugen, dass ein Teil der Englischen Bevölkerung offensichtlich völlig schmerzfrei ist, was die freiwillig gewählte Urlaubsumgebung betrifft. Empfehlenswert dagegen ist die Besichtigung von Tyntesfield, dies ist der ehemalige Stammsitz einer Kaufmannsfamilie aus dem 19. Jahrhundert. Er wird nun in der Obhut des National Trust erhalten und kann besichtigt werden kann. Besichtigen heißt in diesem Fall tatsächlich, dass man durch alle Räume des riesigen Landsitzes spazieren darf und von reizenden Helfern Erklärungen zur Geschichte des Hauses erhält. Ein Muss für alle Downton-Abbey-Junkies!